9783462308266 5Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden. Aus dem Finnischen von Angela Plöger.

Kiepenheuer & Witsch 2014. 432 S., 19,99 €.

Finnland ist in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse und eine der wichtigsten finnischen Schriftstellerinnen ist die junge Autorin Sofi Oksanen, die bereits seit ihrem zweiten Roman „Fegefeuer“ national wie auch international gefeiert wird.

In dem neuen Roman „Als die Tauben verschwanden“ stehen im Zentrum Roland, ein Freiheitskämpfer, Juudith und deren Ehemann Edgar. Ihre Schicksale machen in zwei unterschiedlichen zeitlichen Erzählsträngen (1940er und 1960er Jahre) die dunkle Seite der Geschichte Estlands deutlich.

Die einprägsamste Figur ist wohl Edgar, der als intriganter Kollaborateur in den 1940er Jahren den deutschen Nazis zur Seite steht.

Um seine homoerotischen Neigungen zu verbergen heiratet er Juudith, die wegen sexueller Frustration eine Liebesaffäre mit einem deutschen SS-Hauptsturmführer beginnt. Billigend nimmt er dies in Kauf, darauf hoffend sich durch die Liebesaffäre berufliche Aufstiegschancen zu sichern. Als die Rote Armee anrückt, wechselt er die Fronten und versucht in der Sowjetunion Karriere zu machen.

Die Romanze von Juudith und dem SS-Hauptsturmführer findet 1945 ihr Ende und der Leser befindet sich in dem Totalitarismus des Sowjetsystems in den 1960er Jahren. Während Juudith sich langsam aus Liebeskummer und Lebensekel zu Tode trinkt, versucht Edgar nun seine eigene Täterschaft zu verbergen, indem er ein auf falschen Tatsachen beruhendes Geschichtsbuch über die Okkupation der Nazis verfasst. Die Täter sind hierbei nur die anderen, denen er seine eigenen Gräueltaten anlastet.

[A]ber diesmal erstellt er kein kleines Propagandaheftehen[...], sondern ein Werk, das die Welt verändern würde: sowohl das Vaterland als auch den Westen. Da musste der Anfang atemberaubend sein. […] Die Auflagen würden gewaltig sein. Bei den Antifaschistischen Feierlichkeiten würde er auf einem Ehrenplatz sitzen.“

Edgars Machthunger, seine Amoral und seine menschliche Kälte lassen schließlich den anderen Protagonisten, sowie seine Frau in den Abgrund stürzen.

Der Roman behandelt in meisterhafter Komposition die Banalität des Bösen, um mit Hannah Arendt zu sprechen. Die Psychologie dieses Bösen mit ihren Schemata schildert Oksanen (mehr noch als in ihren vorherigen Romanen) eindrucksvoll, ohne sich platter Attitüden zu bedienen.

Die estnischen Traumata (die „Säuberungen“ der Kommunisten, der Nazis und schließlich der Sowjets), sowie die Geschichtsverzerrung innerhalb autoritärer Systeme machen den Roman gerade in den heutigen Wirren und politischen Gemengelagen äußerst lesenswert.