Alain Mabanckou: Morgen werde ich zwanzig, Liebeskind 2015, 368 S., 22,00 €.

Der preisgekrönte kongolesische Autor Alain Mabanckou lässt seinen neuen Roman „Morgen werde ich zwanzig“ in der Republik Kongo Mitte der 1970er Jahre spielen. Der 10-jährige Protagonist Michel erzählt aus seinem Leben zwischen Aberglaube, großer Weltpolitik, erster Liebe und den Irrungen und Wirrungen der Erwachsenenwelt. Mit erfrischend kindlicher Logik sind seine Erklärungen zur Welt im Allgemeinen und zur frankophon-kongolesischen Gesellschaft im Besonderen äußerst komisch:

Wenn dich jemand ,Opium des Volkes` schimpft, hat Mama Pauline mir erklärt, musst du dich sofort mit Händen und Füßen wehren, denn das ist eine schlimme Beleidigung […]. Seither nennt mich Mama Pauline ,Opium des Volkes`, sobald ich Unsinn mache. Und wenn mir im Pausenhof manche Schulkameraden auf die Nerven gehen, schimpfe ich sie auch ,Opium des Volkes`, und dann prügeln wir uns deswegen.“

In dieser wohlbehüteten Kindheit sieht man indische Filme, verehrt amerikanische Actionhelden und trägt französische Hemden. Michel ist verliebt in die gleichaltrige Caroline, die mit ihm einen roten Viersitzer und einen weißen Hund haben will, sobald sie verheiratet sind. Allerdings macht ein anderer Junge ihm schnell diesen Platz streitig, da dieser mal ein Buch gelesen hat und Fußball spielt.

Während die Welt der Kinder in ihrer Einfachheit klar und überschaubar erscheint, ist die der Erwachsenen umso verwirrender. Denn diese (vornehmlich Männer) sprechen fortwährend von den Gefahren des Kapitalismus, Michels Vater stückelt sich seine politische Sicht aus US-amerikanischen Radiosendungen zusammen, Marx und Lenin hängen in Wohnzimmern und gleichzeitig baut der Onkel von Michel (selbstredend Kommunist) hohe Zäune um seinen privaten Reichtum zu schützen. Diese und andere offensichtlichen Widersprüche und Heucheleien werden von Michel wahrgenommen und und auf komische Art und Weise in Frage gestellt.

Während die Männer sich mit den großen Fragen abmühen, beschäftigen sich die Frauen traditionell mit Themen wie Haushalt und Nachwuchs. Da seine Mutter (eine Zweitfrau) kein zweites Kind bekommen kann, stellt ein Fetischeur die Diagnose, dass Michel den Schoß seiner Mutter mit einem imaginierten Schlüssel zugesperrt hat. Michel macht sich nun (um seine Mutter wieder glücklich zu machen) auf die Suche nach dem Schlüssel, den er nach langer Suche zusammen mit einem philosophischen Landstreicher auf einer Müllkippe findet.

Durch die Stimme von Michel wird die alte traditionelle Welt Kongos und die neue westlich politisierte Welt mit leicht spöttischem Unterton beschrieben und gleichzeitig werden die kulturellen Spaltungen und Widersprüche dieses postkolonialisierten Landes deutlich.

Auch wenn die Kinderperspektive manchmal ein wenig zu gewollt erscheint, ist dieser Roman durch die Figurenperspektive, die situative Komik und die Einsicht in die kulturellen Bräuche dieses kleinen Landes äußerst lesenswert.

Laura Rupp