John Williams: Butcher`s Crossing, dtv 2015, 368 S., 21,90 €.

In den 1870er Jahren verlässt Will Andrews die Universität Harvard, um sein bürgerliches Leben hinter sich zu lassen und eine ursprüngliche Beziehung zur Natur und sich selbst in der Wildnis zu suchen. Er will die große Freiheit, das wilde und unverbrauchte Amerika erleben und die Zwänge der Zivilisation hinter sich lassen.

„Es war ein Gefühl, ein Drang, den er benennen musste, obwohl er wusste, was immer er auch sagte, es wäre letztlich doch nur ein anderes Wort für die Wildheit, nach der er suchte. Es ging ihm um Freiheit und das Gute, um Hoffnung und eine Lebenskraft, die allem Altbekannten in seinem Leben zu unterliegen schien, das weder frei noch gut oder lebendig war. Was er suchte, war das, was seine Welt nährte und sie erhielt, eine Welt, die sich stets ängstlich von ihrer Quelle abzuwenden schien, statt danach zu suchen.“

Nach einer zermürbenden Reise kommt er schließlich in Butcher`s Crossing an, einer kleinen Stadt im Nirgendwo. Ruhelose Menschen sind dort auf der Suche nach schnellem Geld, doch nicht das Gold zieht die Menschen in diese Stadt, sondern die Büffeljagd. Schnell wird Andrews von einem Mann überzeugt mit auf die Jagd zu gehen und ein gewisses Tal zu suchen, das bisher unentdeckt von Jägern blieb. Dort soll sich eine letzte bisher unentdeckte große Büffelherde befinden, die wegen der Felle Reichtum und Profit verspricht. Für Andrews ist die Expedition zunächst aufregend, dann ermüdend und quälend. Am Ende der Reise finden sie jedoch das Tal, die drei Männern geben sich einem Blutrausch hin und schlachten 5000 Büffel innerhalb weniger Wochen ab. Der Winter tritt unerwartet ein und die Jäger müssen einen Weg finden zu überleben. Eingeschneit und halbtot wegen dem Hunger und der Kälte....

Weder Andrews noch seinen Mitstreitern erfüllt sich der Traum nach schnellem Geld, sinnlos schlachten sie die letzte Ernährungsgrundlage der Indianer nieder und werden durch den Schnee zu Gefangenen der Natur. Andrews, der die Natur sucht und findet, ist im gleichen Atemzug Mitverursacher ihrer Zerstörung.

Der Roman ist fesselnd und gleichzeitig in seiner Parabelhaftigkeit tiefsinnig ohne sich Wild-West-Klischees zu bedienen. Der Leser erlebt durch die Detailgenauigkeit und Präzision der Schilderungen einen stark visuellen Eindruck: die endlose Prärie, die vom Reiten schmerzenden Schenkeln, der Durst und schließlich auch die von Hoffnungslosigkeit gezeichneten Gesichter.

Geschichtskritisch mit ethnologisch-geschultem Auge dekonstruiert Williams den Mythos von glücklichen freien Cowboys, von wild-romantischen Abenteuern und Pionieren, die ihren amerikanischen Traum leben. Vielmehr zeigt Williams die negativen Seiten von menschlicher Gier und von den frühen Stadien des Turbo-Kapitalismus.

Am beeindruckendsten ist wohl der literaturphilosophische Spagat, das Nebeneinander von Wild-West-Abenteuerroman und Existenzphilosophie. Denn am Ende aller Illusion und Selbstlüge bleibt Andrews nur noch das menschliche Scheitern, der Tod und das Nichts.

Der 1960 bereits geschriebene Roman ist nun nach Stoner das zweite Meisterwerk von John Williams, das in deutscher Sprache erschienen ist.

PS: Wer sich auf den Roman einstimmen will, dem empfehle ich folgendes Video mit alten Photographien aus der Zeit.

https://vimeo.com/115198371

Laura Rupp