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Der neue Roman von Stefan Schütz, geboren 1944, erzählt vom Alltag eines Paares - „der Greis“ und die „Greisin“ genannt - in einem Pflegeheim an der Ostsee.
Die senile Demenz, woran die Greisin leidet, wird zum Kern der tragischen, zärtlichen und symbiotischen Beziehung der beiden Menschen. Ein Wolf, namens Graf Vargold, stellt die dritte Hauptfigur dar. Das unsichtbare, wilde Haustier erlaubt der Greisin eine Flucht in sinn- und hemmungslosen Gespräche, die sie mit dem Greis ununterbrochen führt. Je mehr die Krankheit fortschreitet, desto ausufernder wird ihre Phantasie. Geduldig hört der Greis zu und spielt mit. Nachts schreibt er heimlich, um Ordnung in ihr beider („unser“ ) Leben zu bringen, um Kraft zu schöpfen und vielleicht auch um die Liebe zu seiner Frau wieder zu finden.
Daraus schöpft der Roman seine Kraft. Es beginnt ein berührender Lobgesang auf die Liebe und das Leben. Die Sprache von Schütz ist kraftvoll, hochpoetisch, manchmal hermetisch. Sie führt den Leser in eine Welt, die zwischen Realismus und Poesie schwingt. Die Menschen draußen sind „Dronen“, die Krankenschwester „Engel“, die Handlung mischt sich mit Erinnerungen, die Realität mit traumhaften und apokalyptischen Vorstellungen verbindet.
Der Roman von Schütz ist eine Kritik an der modernen Welt, die als technologieversessen, geldgierig und grausam skizziert wird. Mit der sensiblen Beschreibung des „Greisenpaares“ stellt Schütz die Würde des Alters in unserer auf Konsum orientierten Gesellschaft in Frage. Die poetische Kraft einer absichtlich unangepassten Sprache ist das Mittel , welches Schütz einsetzt, um dem Vergessen, dem Abgleiten in die Demenz entgegen zu arbeiten und ein Weiterleben möglich zu machen.
Ein Roman, der zum Wachsein anregt.


Stefan Schütz: Unser Leben, Matthes & Seitz 2016, 124 S. 19,90 €.