kraft

Als der Tübinger Rhetorikprofessor Richard Kraft einer Einladung folgend im Silicon Valley sitzt und über eine eine-Million-Dollar ausgeschriebene Theodizee-Frage brütet, bekommt er kurz vor der Vorstellung seiner Rede eine Schreibblockade.

Was anfänglich für Kraft lediglich wie eine intellektuelle Gedankenübung scheint (ein wenig Schopenhauer hier, ein bisschen Thatcherismus dort), entpuppt sich als der Moment des Scheiterns auf beruflicher, wie auch persönlicher Ebene. Ihm will einfach nichts Sinnvolles zu der Frage einfallen: „Warum alles was ist, gut ist und weshalb wir es dennoch verbessern können?“ Sollte er nicht das Preisgeld gewinnen, kann er nicht seine Scheidung finanzieren und ein neues Leben anfangen.

Während also Kraft mit der Beantwortung der Frage nicht weiterkommt, rekapituliert er sein Leben. Als vielversprechender Student in den 80er Jahren macht er sich an der Freien Universität in Berlin als glühender Verfechter des Neoliberalismus, Reagans und des Triple-Down-Effekts keine Freunde und sieht sich als Rebell und Zeitgeistverweigerer. Als Opposition zur 68er-Bewegung sozusagen.

Ganz nebenbei (also neben seiner akademischen Laufbahn und der damit bei ihm einhergehenden fortwährenden geisteswissenschaftlichen Schwafelei) zeugt Kraft vier Kinder und siedelt schließlich mit seiner zweiten Ehefrau nach Tübingen um. Seine Ehe steht kurz vor dem Scheitern und so nimmt er dankbar die Einladung an und reist fast fluchtartig in das Silicon Valley.

Dort – im globalen Zentrum der marktgläubigen Phantasterei und der menschlichen Selbstoptimierung – muss Kraft erkennen, welche schrägen und tristen Wirklichkeiten der Neoliberalismus produziert. War das wirklich die Freiheit, die er sein ganzen Leben herbeigesehnt hat?

Und wenn wir schon im Silicon Valley sind schließt sich die zweite Empfehlung auch gleich an. „Ich hasse dieses Internet“ von Jarett Kobek ist ein etwas schräger Roman. Vielleicht ist das Literarische hier nicht das Ausschlaggebende und Roman kann man es eigentlich nicht nennen. Es ist vielmehr eine wütende Hassrede gegen die schwafelnden Mark Zuckerbergs und Larrys Pages dieser Welt und gleichzeitig eine bitterböse Kulturkritik.

Zur Einstimmung sei noch ein Zeit-Artikel mit dem Titel Fuck you Silicon Valley genannt.:

http://www.zeit.de/2017/05/kalifornien-silicon-valley-innovation-arroganz-kapitalismus-weltverbesserung

Jonas Lüscher: Kraft, C.H. Beck 2017, 237 S., 19,95 €.

Jarett Kobek: Ich hasse dieses Internet, Fischer 2016, 368 S., 20 €.

 

Laura Rupp