Kegel

Bernhard Kegel: Tiere in der Stadt. Eine Naturgeschichte, DuMont Buchverlag 2013, 477 S., 9,99€.

Parasiten haben ein Leben in Freiheit und Würde [in der Natur] aufgegeben, um sich auf Kosten ihrer Opfer, die man beschönigend ,Wirteʻ nennt, für immer exzessiver Völlerei und Sex hinzugeben. Igitt!“

Sätze, wie diesen findet man zuhauf in der 2013 erschienenen Studie „Tiere in der Stadt. Eine Naturgeschichte“. Sie eröffnen dem interessierten, aber biologisch wenig gebildeten Leser auf höchst amüsante Weise den Zugang zu der Frage: Wer sind eigentlich unsere tierischen Mitbewohner in der Stadt? Gibt es einen biodynamischen Mikrokosmos, der dem Großstadtbewohner gänzlich unbekannt ist?

Der Biologe Bernhard Kegel erzählt die Geschichte der Stadttiere und fängt dabei zunächst im ganz Kleinen an: Parasiten, Flöhe, Milben. Das hat seinen berechtigten Grund. Indem populäre Sachbücher eher niedliche Katzen oder putzige Waschbären behandeln, lassen sie stets tierische und dem Menschen bedrohliche Nachbarschaft aus. Kegler füllt nun diese Lücke.Aber der mit Anekdoten gespickte Text behandelt auch beliebtere Tiere: Füchse, die nachts herumstreunen; Kojoten, die den Nordosten der USA unsicher machen; Nachtigallen, deren Singfrequenz durch den Lärm immer höher wird. Doch nicht nur angsteinflößende Insekten und singende Vögel bilden den thematischen Rahmen. Parameter wie Krieg, Bodenbeschaffenheit und Lärm lassen das Zusammenleben mit Tieren (sowohl mikro- wie auch im makrokosmisch) im neuen Licht erschienen. Mit Erstaunen liest man zudem Zahlen, die beispielsweise Berlin als ein kleines Naturparadies darstellen. Nirgendwo gibt es so viele heimische Vogelarten (mehr als 150) auf so kleiner Fläche wie in Berlin. Hier leben 75 Prozent aller Stechmückenarten Mitteleuropas und 59 Prozent aller Säugetierarten Deutschlands!

Der städtische Raum mit seinen lebensfeindlichen Abgasen und den Betonwüsten wird zu einem Biotopmosaik und einer faszinierenden Parallelwelt. So Kegler: „Es ist paradox: Die weltweit voranschreitende Urbanisierung ist eine der wichtigsten Ursachen für das Schwinden der biologischen Vielfalt. Doch gleichzeitig ist in den Städten selbst eine artenreiche Stadtnatur entstanden.“

Allerdings lässt uns Kegler nicht in dieser naiven Traumwelt. Die für die menschliche Psyche oft unterschätzte Stadtnatur ist in seiner Vielfalt ständig bedroht. Der urbane Naturschutz steht immer wieder vor neuen Herausforderungen. Ob der Kampf gegen den globalen Kahlschlag von Flora und Fauna gewonnen werden kann ist nach Kegler zweifelhaft. Der erste Schritt ist das Interesse für unsere Umgebung zu wecken. Die Lektüre dieses Buches kann ein erster Schritt sein.