Tom Hodgkinson: Anleitung zum Müßiggang, Insel Verlag 2013, 375 S., 8,99 €.

Letztes Jahr riefen europaweit Autoren dazu auf, die Arbeitszeit eines jeden Menschen in der EU auf 30 Stunden zu verkürzen. Dieser Gedanke ist nicht neu: Schon Bertrand Russell trat in den 1950er Jahren für eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit ein: Wenn auf Erden niemand mehr gezwungen wäre, mehr als vier Stunden zu arbeiten, würde jeder Wißbegierige seinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen können und jeder Maler könnte malen, ohne dabei zu verhungern, und wenn seine Bilder noch so gut wären.”

In unserer arbeitswütigen Gesellschaft definieren sich oft Menschen durch ihre Arbeitszeit: Frühes Aufstehen, Enthaltungen und die komplette Durchorganisation des Lebens gelten als tugendhaft, ja sogar gottgefällig. Nur der ist ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, der seine acht Stunden pro Tag ableiste, der auch am Wochenende seine Emails kontrolliere und ständig auf Abruf sei. Eine Verweigerung dieser Arbeitshaltung” müsste vielleicht neu erlernt werden. Wie kann Mensch sich dem Müßiggang hingeben, ohne seine Selbstachtung zu verlieren?

Bereits 2004 erschien die von Tom Hodgkinson verfasste Streitschrift How to be Idle? und diese avancierte schnell in Großbritannien zum Kultklassiker. In 24 Abschnitten, die er jeweils einer Tagesstunde zuordnet, philosophiert er über die Faulheit, die Muße und die Selbstverwirklichung. Er reichert diese Betrachtungen einerseits mit Bonmots anderer Philosophen an, andererseits mit überspitzten Beispielen. So schreibt er in dem Kapitel 9 Uhr morgens. Müh und Plagen:

Wir müssen uns auch darüber klar werden, dass Arbeit, vor allem am unterem Ende der Skala, sehr gefährlich ist. In der ganzen Welt hat die Sucht nach Konsumwaren zu einer tödlichen Überarbeitungskultur geführt. Vor kurzem wurde in einem Bericht der UN festgestellt, dass durch Arbeit jedes Jahr fast zwei Millionen Menschen sterben: Das sind so viele Tote, als fände die Katastrophe vom 11. September an jedem Tag des Jahres statt.“

Hodgkinson formuliert hier eine radikale Systemkritik, die jedoch in seiner gewollten Naivität den Leser oft schmunzeln lässt. Kritisch könnte man einwenden, dass Busfahrer, Polizisten oder Bauarbeiter wohl kaum sich den Luxus des täglichen Müßiggangs und der Arbeitsverweigerung leisten können, dieser also primär Künstlern, Schriftstellern und Freischaffenden aus der Mittel- und Oberschicht vorbehalten bleibt. Aber: Der Müßiggang als Lebenskonzept ist auch auf die sogenannte „Freizeit“ anwendbar: weniger Konsum, weniger Fernsehen, weniger Stress, weniger Druck freie Zeit mit etwas „Sinnvollem“ füllen zu müssen. Der überaus witzige und anekdotenreiche Text ist ein ideales Geschenk für Menschen, die am Arbeitsrhythmus leiden und deren innerlich automatisierte Arbeitsethik einer grundlegenden Generalüberholung bedarf.

Würden wir Hodgkinsons Anleitung zum Müßiggang wenigstens in bisschen befolgen, so hätten wir am Ende des Tages Zeit für Wichtigeres: zum Beispiel Lesen.